Magazin: CD-Kritiken
Trennung

Details zu Trennung: Carolyn Sampson, Kristian Bezuidenhout

Trennung: Carolyn Sampson, Kristian Bezuidenhout

Von spröder Schönheit

Unerhörte Ausgrabungen, konsequente Programmzusammenstellung und die spröde Schönheit der Darbietung machen das Album 'Trennung' zu einem faszinierenden Beitrag auf dem aktuellen Plattenmarkt.

Es sind allesamt Lieder um das Thema Abschied und Trennung, die die Sopranistin Carolyn Sampson und der Pianist Kristian Bezuidenhout im April 2021 für das schwedische Label BIS eingespielt haben. Das könnte eine deprimierende Veranstaltung sein – der erste Blick auf das in Schwarz- und Grautönen gehaltene Cover regt die Kauflust jedenfalls nicht unmittelbar an. Doch bei genauerem Hinsehen stellt sich Neugier weckende Irritation ein: Sampson und Bezuidenhout lächeln in einer versonnenen, verliebten Art und Weise, die so gar nicht zum in Versalien prangenden Titel ‚Trennung – Songs of separation‘ passen will. Das Bild spiegelt aber wider, wie das Lied-Duo jene Schätze aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu Gehör bringt, dreht, wendet und belebt: mit einer gelungenen Mischung aus Ernsthaftigkeit, Liebe zum Detail und leisem Humor.

Auf dem Album versammeln sich Trennungslieder und eine abschließende Kantate aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Da dürfen Wolfgang Amadeus Mozart und Joseph Haydn nicht fehlen, es gibt aber auch eine knappe Handvoll Raritäten und Ausgrabungen zu bestaunen von heute längst vergessenen Zeitgenossen der übermächtigen Klassiker: August Bernhard Valentin Herbing, Friedrich Gottlob Fleischer und Christian Michael Wolff. Dazu gibt es ein schönes Beiheft mit dreisprachigem, ausführlichem Begleittext und englischen Übersetzungen der Dichtungen.

Fein ausbalanciert

Herbing starb 1766 mit gerade einmal 31 Jahren. Hauptberuflich war er Organist in Magdeburg und machte sich als Komponist einen Namen mit humoristischen Liedern und seinen neun Stücken für Gesang und Klavier die als musikalischer ‚Versuch in Fabeln und Erzählungen des Herrn Prof. Gellert‘ betitelt sind. Es handelt sich bei diesen großdimensionierten Liedern aber vielmehr um Miniaturopern für eine Singstimme, die als Erzähler fungiert, aber ebenso in die einzelnen Rollen schlüpft, mit Klavierpart, der so orchestral wie agieren muss. Mit einer dieser Miniaturen eröffnet das vorliegende Album, nämlich mit Herbings ‚Montan und Lalage‘, einer moralischen Vergegenwärtigung, was wahre Liebe sei. Ein Liebespaar – Montan und Lalage – erleiden Schiffbruch. Die letzte Planke kann nur eine Person retten und so ist ein selbstloses Opfer nötig. Lalage stürzt sich in die Fluten, um Montan zu retten, wird durch göttliche Fügung aber selbst lebendig an Land gespült. Dort trennt sie sich von Montan, dessen Liebe nicht groß genug war, sich zu opfern. In dieser wilden opernhaften Szene ist alles zu hören: das brausende Meer, die über den Köpfen zusammenschlagenden Wellen, die Ängste, das Klagen. Kristian Bezuidenhout changiert wunderbar zwischen barockem Formbewusstsein und künstlich überhöhtem Naturalismus. Was er da aus dem nachgebauten Hammerklavier hervorzaubert, ist bemerkenswert, lässt einen schmunzeln und mitfiebern. Carolyn Sampson zieht derweil alle Register ihres gut fokussierten Soprans, den sie fein ausbalanciert zwischen instrumentaler Klarheit und dramatischem Zupacken zu nutzen versteht. So emotional aufgeladen Herbings Komposition auch sein mag, Sampson und Bezuidenhout behalten den Blick für humorvolle Distanz, ohne das Werk jedoch zu verraten.

Witz und Parodie blitzen auch in den Liedern Mozarts auf. Das berühmte ‚An Chloe‘ und die ‚Abendempfindung‘ sind flankiert von ‚Als Luise die Briefe ihres ungetreuen Liebhabers verbrannte‘ und dem ‚Lied der Trennung‘, bei dem den beiden Künstlern eine doppelbödig anrührende Interpretation gelingt.

Gewisse Ungeduld

Vom Braunschweiger Hofmusiker und Organisten Friedrich Gottlob Fleischer gibt es zwei Lieder zu entdecken: ‚An den Schlaf‘ und ‚Das Clavier‘, letzteres mit der wunderbaren Textzeile ‚Flieht, was die Oper singet, / Und folgt der Phantasie!‘. Mit Charme und glasklarer Diktion trägt Sampson diese Lieder vor. Stets ist große Tonschönheit gegeben und auch eine nicht zu leugnende Intuition für das Vermitteln einer bühnendramatischen Situation, die sich erneut in Christian Michael Wolffs ‚An das Clavier‘ manifestiert, woran auch Bezuidenhout mit seinem beredten Tastenspiel erheblichen Anteil hat.

Und doch regt sich im Laufe des Albums eine gewisse Ungeduld, wenn nicht gar Müdigkeit. Die Texte sind bei aller Klarheit der Darbietung fordernd, weil nicht selten spätbarock verklausuliert oder auf den ersten Hinhörer harmlos, und auch das musikalische Hörerlebnis ändert sich nicht signifikant, hat auf die Dauer recht wenige Kontraste zu bieten. Faszinierend bleibt es dennoch – gerade im Spannungsfeld einer konzentrierten Programmauswahl und jener leicht spröden Schönheit der Darbietung.

Was mit Herbings ‚Montan und Lalage‘ begann, findet nach drei Liedern von Joseph Haydn einen sinnstiftenden Abschluss in seiner großen Kantate ‚Arianna a Naxos‘. Die Verlassene sinniert über das Geschehene, das sie traumatisiert zurücklässt mit dem Wunsch, zu sterben. Ein effekt- und kraftvoller Schluss für das ansonsten von Humor und Ironie durchzogene Album, der als einzige Nummer in italienischer Sprache gesungen wird. Sampsons Arianna ist zerbrechlich, fast schon durchscheinend, keine Opernheroine. Das passt fraglos zur liedhaften Feinheit des gesamten Programms, nimmt der Szene aber auch etwas von ihrer Vehemenz. Bezuidenhout lässt es dabei durchaus kontrastierend, dann wieder kommentierend oder schlicht begleitend unter den Fingern perlen.


Benjamin Künzel, 04.01.2023

Label: BIS Records
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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