Magazin: CD-Kritiken
Urlicht

Details zu Urlicht: Alois Mühlbacher, Franz Farnberger

Urlicht: Alois Mühlbacher, Franz Farnberger

Authentischer Grenzgänger

Alois Mühlbacher überrascht ? wieder einmal ? mit für ihn ungewöhnlichem Repertoire.

Mit seinen ersten Soloalben hat Alois Mühlbacher bereits für viel Aufsehen und Aufhorchen gesorgt. Damals als Knabensopran sang er beispielsweise mit stupender Intonationssicherheit und unbändiger Energie die Zerbinetta-Arie aus Richard Strauss‘ ‚Ariadne auf Naxos‘ oder den Csárdás der Rosalinde aus der ‚Fledermaus‘. Wenig später folgten Lieder mit dem Knabensolisten u.a. die ‚Vier letzten Lieder‘ von Richard Strauss. Von Zögerlichkeit oder Angst vor großem Repertoire oder Grenzgängen kann man bei diesem Künstler wahrlich nicht sprechen. Vielmehr faszinierten schon damals die Selbstsicherheit und Selbstverständlichkeit, mit der Alois Mühlbacher jene Musik sang, die ihm ohrenfällig eine Herzensangelegenheit war und ist. Nun ist aus dem ‚Wunderkind‘ der St. Florianer Sängerknaben ein junger Mann geworden, in vokaler Hinsicht ein Countertenor. Längst hat Mühlbacher mit großen Orchestern und Dirigentinnen und Dirigenten musiziert, den eigenen grenzgängerischen Alben folgten Veröffentlichungen bei namhaften Labels, vornehmlich im Bereich der Barockmusik, wie beispielsweise eine Telemann-Pastorale unter Dorothee Oberlinger. Auch Pergolesis berühmtes ‚Stabat Mater‘ hat Mühlbacher vor zwei Jahren eingespielt.

Nun legt der junge Sänger beim Label Ars eine weitere Solo-CD vor. Das Repertoire überrascht – wieder einmal: Lieder von Gustav Mahler und Richard Strauss. Nicht gerade das Kernrepertoire für Countertenöre. Am Klavier wird Mühlbacher von seinem ehemaligen Mentor und Ausbilder Franz Farnberger begleitet, auch das eine ungewöhnliche wie emotional gehaltvolle Entscheidung. Mit Farnberger musiziert der Sänger in traumwandlerischem Einverständnis. Die jahrelange Verbundenheit tönt aus jeder Note, aus jeder Phrase, wobei Farnberger sich als stets stützender Begleiter präsentiert. Ein Klaviervirtuose ist er nicht, das muss aber auch nicht sein. Er entledigt sich der Mahler‘schen und Strauss’schen Tastensinfonik mit Souveränität und hörbarer Freude. Punktuell aufzutrumpfen oder ein fordernder Dialogpartner zu sein, ist sein Anliegen nicht. Und doch gelingen ihm durch die Verbundenheit mit dem Solisten anrührende Momente großer Zartheit und atmosphärischer Klanglichkeit wie in Strauss‘ ‚Morgen!‘ oder dem ‚Urlicht‘ von Gustav Mahler, das dem 2021 entstandenen Album auch als Titel dient.

Unverwechselbarer Klang

Alois Mühlbachers Stimme hat sich den unverwechselbaren Klang erhalten, das Timbre ist deutlich androgyner als bei vielen Counterkollegen, man ist fast versucht zu sagen: eigenwilliger. Der junge Künstler sucht weniger nach betörendem Schönklang als nach musikalischen wie textlichen Inhalten. Der feinfühlige Umgang mit den Liedtexten bleibt im Ohr, die unüberhörbare Lust, im Gesang Geschichten zu erzählen, Bilder zu erschaffen. Innerhalb der eingespielten 21 Lieder gelingt ihm das mal mehr und auch mal weniger überzeugend, aber stets zutiefst authentisch.

Irritierend ätherisch und fast jenseitig klingt Mahlers ‚Urlicht‘ und auch ‚Wo die schönen Trompeten blasen‘ erweist sich als passende Repertoirewahl für Mühlbachers leicht kühlen Countertenor. Überhaupt liegt ihm Mahlers Tonsprache mit ihrer Melodieführung und teils direkten Schlichtheit, die ihre Komplexität effektvoll verbirgt. Die abschließenden ‚Rückert-Lieder‘ sind der spannendste Teil dieses Album, gerade das schwärmerische ‚Liebst du um Schönheit‘, das der Sänger mit einem wohldosierten Anflug von Melancholie serviert.

Die Lieder von Richard Strauss wollen nur bedingt überzeugen. Hier und da fehlt es am langen Bogen und auch die immer wieder auftretende Schärfe in den höheren Lagen fügt sich nur bedingt ins akustische Gesamtbild. Auch im Hinblick auf Farbenvielfalt stellen die Strauss-Lieder den Künstler vor große Aufgaben, die mit den jetzigen Mitteln kaum zu erfüllen sind. Und doch macht er sich einige der Lieder mit seiner puren Überzeugungskraft zu eigen und verleiht ihnen einen eigenwilligen Glanz, wie beispielsweise die furchtlos jubelnde ‚Zueignung‘, die zarte ‚Nacht‘, das berühmte ‚Morgen!‘ mit seiner berückenden Intimität und ‚Allerseelen‘, das Mühlbacher mit passender Schlichtheit und dunkler Tönung interpretiert. Für ‚Ruhe, meine Seele‘ ist es vielleicht noch ein wenig früh und auch andere der Strauss-Lieder warten noch auf einen ‚richtigeren‘ Zeitpunkt. Er wird kommen.


Benjamin Künzel, 06.12.2022

Label: ARS Produktion
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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