Magazin: CD-Kritiken
Vienna 1913

Details zu Vienna 1913: Kilian Herold, Hansjacob Staemmler

Vienna 1913: Kilian Herold, Hansjacob Staemmler

F-moll für Klarinette

Kilian Herold und Hansjacob Staemmler mit einer spannenden Kornauth-Entdeckung und einer bemerkenswerten Brahms-Interpretation.

„Vienna 1913“ lautet der Titel einer neuen Platte mit dem Klarinettisten Kilian Herold und dem Pianisten Hansjacob Staemmler. Ziemlich eindrucksvoll klingt darauf die Sonate f-moll op. 5 von Egon Kornauth (1891 - 1959), die als Weltersteinspielung gekennzeichnet ist. Es handelt sich um ein hoch expressives Werk, in dem explosive neben sehr innigen Passagen stehen. An der Aufführung fällt auf, wie stark die beiden Musiker Akzente betonen, es gibt bei ihnen ein wirkliches Staccato und auch ein wirkliches Fortissimo, was ja leider in vielen anderen Aufnahmen kaum der Fall ist. Kornauths viersätzige Sonate ist tatsächlich 1913 entstanden, erschien aber erst 1922 im Druck.

Auch der sechs Jahre ältere Alban Berg schrieb im Jahr 1913 sein op. 5, doch während Kornauths Sonate etwa 23 Minuten dauert und damit ziemlich genau den Dimensionen der f-moll Sonate von Brahms entspricht, sind Bergs „Vier Stücke“ äußerst knapp gehalten und gerade einmal knapp acht Minuten lang, eine Kürze, die sonst für seinem Kollegen Anton Webern typisch war. Kornauths Sonate bleibt zudem tonal, Bergs Stücke hingegen sind in freier Atonalität geschrieben.

Die erwähnte Brahms-Sonate hat sich auch irgendwie in das Programm gemogelt, obwohl sie natürlich 1913 schon 20 Jahre alt war und ihr Komponist bereits 16 Jahre tot. Die Interpretation ist allerdings ein gutes Beispiel, dass sich auch Neuaufnahmen von solchen Werken lohnen können, die bereits reichlich eingespielt wurden und dass es dabei immer noch etwas zu entdecken geben kann, ohne dass die Interpretation gesucht klänge.

Kraftvoll und brillant

Kilian Herold und Hansjacob Staemmler legen einen kraftvollen ersten Satz vor, ohne die Artikulation glatt zu bügeln. Außergewöhnlich stimmungsvoll ist ihnen aber besonders die zarte Coda gelungen. Den zweiten Satz, den Brahms ja tatsächlich nicht „Adagio“ sondern vielmehr „Andante poco Adagio“ überschrieben hat, nehmen sie nicht zu langsam. Objektiv betrachtet ist das Tempo zwar nicht so viel rascher als in vielen anderen Aufnahmen, wirkt hier aber dennoch flüssiger und weniger gewichtig, was allerdings an einigen Stellen vielleicht doch etwas zu oberflächlich wirkt. Im Dritten Satz gibt es einen ganz wunderbaren, großen Gegensatz zwischen dolce und kurzen, fast derben Tanzepisoden, den ich so ausgeprägt in anderen Aufnahmen noch nicht gehört habe. Leider kommt im Tanzwirbel eine Gegenstimme im Klavierbass, wo das Thema der Klarinette zitiert wird, etwas zu wenig zur Geltung. Das Finale, von Brahms „Vivace“ überschrieben, ist absolut brillant gelungen. Die beiden Musiker nehmen es sehr lebhaft, wobei das Tempo unterwegs immer wieder angepasst wird. Kilian Herold übertrifft noch seine bereits vor zehn Jahren erschienene Interpretation der anderen Brahms-Sonate in Es-Dur, damals gemeinsam mit dem Pianisten Amir Katz.

Zwei charmante Zugaben ergänzen das Programm: Kilian Herold hat zwei Lieder von Erich Wolfgang Korngold für Klarinette bearbeitet, wobei das „Liebesbriefchen“ aus dem Jahr 1913 stammt, als Korngold gerade einmal 16 Jahre alt war.


Dr. Jan Kampmeier, 20.01.2023

Label: CAvi-music
Interpretation: 
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